Nordjylland Rundt 2007
August 2007.
Am Morgen des Marathons war meine Laune auf dem absoluten Tiefstand. Das Wetter war schlecht.
Es war kalt und regnerisch. Ich hatte überhaupt keine Lust mich einen ganzen langen Tag auf
dem Rad zu quälen.
"Warum bin ich eigentlich so blöde, mich immer wieder zu solchen Torturen
anzumelden", diese Frage stellte ich mir. Doch es gab wohl kein Zurück mehr.
Bereits eine Woche vorher war ich mit Familie in Nordjütland angereist. Ich hatte gedacht, man
könnte den Marathon gleich mit dem Urlaub verbinden. Und nun stand ich hier mit meinem Freund
Peter und unseren Frauen als Zuschauer in der Aalborg Kaserne und warte auf unseren Start
um 7:10 Uhr. Alle fünf Minuten startete eine Gruppe von 50 Teilnehmern.
Um meine Laune auf dem Tiefststand zu halten fing es kurz nach dem Start an zu regnen. Die
Strecke bis zum ersten Depot in Brønderslev verlief über flaches, offenes Land auf leeren Nebenstraßen.
Es war ziemlich einsam. Peter mit seinem Rennrad war schon lange nicht mehr zu sehen
und die meisten der ca. 300 Teilnehmer der Tour hatten mich schnell überholt.
Sie rauschten mit ihren Rennrädern an mir vorbei. Ich war offensichtlich der Einzige mit einem
Mountainbike und der Einzige mit Nabenschaltung.
Die gute Verpflegung und vor allem ein heißer Kaffee im ersten Depot ließen meine Stimmung etwas
besser werden. Die Frage, ob ich einfach umdrehen sollte, war nun nicht mehr so akut. Der Regen
hatte aufgehört und das Land wurde abwechslungsreicher und hügliger. Ich hörte also auf über den
Sinn oder Unsinn des Radmarathons nachzudenken und dämmelte so vor mich hin.
Ich weiß gar nicht mehr ob es vor oder nach dem zweiten Depot war, als mein Weg von einem scheinbar
verirrten Radmarathonisten gekreuzt wurde, der wie ich meinte nach dem rechten Weg suchte. Wir
wechselten ein paar Worte und es stellte sich schnell heraus, daß meine Annahme falsch war.
Der ältere Herr auf seinem Rennrad war kein Teilnehmer. Er wollte nur eine bißchen Marathonluft
schnuppern und zuschauen. Er machte den Vorschlag mich ein Stückchen zu begleiten. Und ich war
einverstanden. Es stellte sich heraus, daß das eine wirklich gute Idee war.
Letztlich sind wir wahrscheinlich ca. 100 km zusammen gefahren.
Ich gucke beim Marathon nie auf den Kilometerzähler. Deshalb kann ich es nicht genau sagen.
Wir haben uns eine Menge erzählt nicht nur über Radmarathon. Manchmal war es aber auch lange
still und ich bin einfach hinter ihm im Windschatten gefahren. Er war über 70 Jahre alt und richtig gut drauf.
Ich habe so daran gedacht, wie schön es doch gewesen wäre in der Kindheit einen Vater
zu haben der "voranfährt" und sich mit seinem Sohn anstatt mit sich selbst beschäfftigt.
Irgendwann waren wir so ins Gespräch vertieft, daß wir von der offiziellen Strecke abgekommen sind. Das war kurz vor Bindslev. Hinter Bindslev haben wir den richtigen Weg aber wieder gefunden. Kurz danach hielt uns ein Armeefahrzeug an. Die dänische Armee organisiert den Marathon. Die beide Soldaten erklärten mir, daß ich der Letzte sei und sie die Aufgabe hätten, hinter dem Letzten hinterherzufahren. Und wo ich den die letzten Kilometer gewesen sei. Sie hätten mich aus den Augen verloren. Das konnte ich aufklären. Das Problem, was ich nun hatte war ein ständig hinter mir herfahrender PKW. Das hat ein wenig genervt.
Mit Jörgs Hilfe, so hieß mein freiwilliger Begleiter, habe ich es dann aber geschafft den vorletzten Teilnehmer zu überholen. So wurde ich die persönliche Eskorte zunächst einmal wieder los. Kurz vor Frederikshavn haben sich Jörgs und meine Wege dann wieder getrennt. Jörg drehte ab in Richtung seines Urlaubsquartiers. Er hatte mich aber über ein gutes Stück des Weges gebracht. Meine Stimmung war gut. Danke Jörg!
So alleine ging es dann wieder deutlich schwerer voran. Zum Glück hatten die Organisatoren auf die demotivierenden Schilder am Wegesrand mit der Kilometerzahl bis zum Ziel verzichtet. So konnte ich mir meine eigene, sicherlich geschönte Sicht auf die Restkilometer erhalten. Diesmal hatte ich keine Krise. Ich war nicht besonders schnell aber es ging stetig voran. Nach dem Depot in Sæby, dort gab es warmes Mittag, ging es nur noch durchs flache Land. Hin und wieder konnte man die Ostsee sehen.
Kurz nach dem letzten Depot in Gandrup hörte ich wieder ein Fahrzeug hinter mir her tuckern. Ich habe mich
nicht umgesehen, aber es war klar, das waren die "Wächter des Letzten" oder vielleicht des Vorletzten.
Überholt hatte mich der "Letzte" jedenfalls nicht. Aber vielleicht hatte er aufgegeben unter dem Druck
des ständigen Verfolgungsfahrzeuges.
Klock 20:00 Uhr geschah dann das für mich Unglaubliche.
Ich wurde zwischen zwei Armeefahrzeuge genommen und zum Halten animiert. Vorne und hinten stiegen
jeweils zwei Uniformierte aus und kamen auf mich zu. Der Truppführer erklärte mir dann, daß das offizielle Zeitlimit
von 13 Stunden nun erreicht sei und daß der Marathon hier für mich enden würde. Ich sollte nun in eines ihrer Fahrzeuge
steigen, damit sie mich zur Kaserne zurückfahren könnten. Ich war ein wenig sprachlos. 15 km vor dem Ziel
würde ich nicht freiwillig aufgeben. Ich gab also zu verstehen, daß ich auf das Zeitlimit pfeife und
nun weiter auf eigene Rechnung fahren würde. Ich entfernte also meine Startnummer und fuhr weiter
Richtung Aalborg. Die Wut im Bauch verlieh mir nochmal richtig Kraft. Eine gute halbe Stunde
später erreichte ich das Ziel in der Aalborg Kaserne. Dort wurde schon kräftig abgebaut. Peter,
der wie üblich schon lange vor mir dort war und
unsere Frauen waren noch am Ziel und empfingen mich. Und "oh Wunder" es gab doch noch eine Medaille
und eine Urkunde für mich. Ich war nicht einmal der Letzte. Ein Teilnehmer kam noch nach mir ins nicht
mehr vorhandene Ziel.
Verstehe das wer will. Aber "Ende gut, alles gut" galt auch in diesem Fall.
Als wir die Kaserne verlassen wollten, wurden wir angesprochen. Es wären da noch ein paar Bouletten übrig
geblieben und ob wir die haben wollten. Blitzschnell lehnte ich dankend ab. Was sich später als sehr, sehr
weise herausstellen sollte. Peter sagte etwas vorschnell: "Ja" und wurde daraufhin mit einer Ration Bouletten für eine ganze Kompanie für
mehrere Monate ausgestattet und wird nun mindestens bis zum nächsten Radmarathon täglich ein bis zwei
Boulettenleckerli essen müssen. (Es sei denn er traut sich die Tiefkühltruhe für eine Weile abzuschalten.)
Am Abend haben wir uns dann beim Radmarathon-Latein in Peters Wohnwagen eine kleine Zusatzbelohnung gegönnt.
Es ist schon ein großartiges Gefühl so ein Radmarathonheld zu sein ;-).
Gegendarstellung von Peter: "Mit den Bouletten habe ich nichts zu tun, die haben die Frauen angeschleppt!"
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