Pirkka Pyöräily 2000
Juni 2000.
Eigentlich fängt die Geschichte aber schon im Juli 1999 an. Ich fahre so zum Spaß noch mal um die
Müritz. Nach geschaffter Sjælland Rundt
, ganz langsam, zur Entspannung. Weil das Schilf auf der einen Seite bis über den Weg wuchert wechsle ich
einfach auf die andere Seite. Das war folgenschwer: drei Operationen und ein dreiviertel Jahr nicht
Radfahren. Was war passiert? Beim Wechsel von der einen zur anderen Betonfahrspur übersah ich die von
Gras verborgene 10 cm hohe Betonkante und fiel ins Schilf. Ich bin gleich wieder aufgestanden.
"Glück gehabt, daß ich bloß ins weiche Schilf gefallen bin", dachte ich. Was ich
nicht wußte und auch die Ärzte erst nach der dritten Operation wußten: Ich hatte mir beim
Sturz ein 3 cm langes Stück vom Schilfrohr in den Unterschenkel gespießt. Da man von außen
nichts sehen konnte, abgesehen von einer kleinen Wunde, habe ich die Müritz noch umrundet. Aber am Abend
war mein Bein dann dick....
Zum Glück hatte sich mein Bein wieder erholt und Marina und ich waren nun wieder auf dem Weg. Diesmal
mit dem Auto nach Finnland. Ich hatte mir vorgenommen alle "Skandinavia Loppet" zu fahren. Und das
war nun die Vierte und Letzte. Der Weg führte uns über Rostock, Trelleborg nach Stockholm. Am
Vätternsee hatten wir in einem kleinen Touristenhotel auf dem Omberg übernachtet. Es hatte seinen
eigenen Scharm, eine Mischung aus ostdeutschem Kleinstadthotel, welches die Wiedervereinigung nicht bemerkt
hat und altem Herrensitz. Da wir die einzigen Gäste waren, hatte uns das WC auf dem Flur nicht
gestört. Einen bleibenden Eindruck hat die Fährfahrt von Stockholm nach Turku in Finnland bei mir
hinterlassen. Am Abend haben wir in Stockholm "eingecheckt" und am nächsten Morgen erreichte
die Fähre Turku. Die Route führt durch die einzigartige Insellandschaft der Åland-Inseln. Die
Stimmung dieser "See"schaft ist schwer zu beschreiben: Endzeit, Einsamkeit, Ruhe. Anfang und Ende
der Welt könnten hier liegen. Auf der Fähre hatten wir uns mit Peter und Hanna getroffen. Peter
wollte die Tour mit mir zusammen fahren.
Von Turku nach Tampere
(die Betonung liegt auf dem "a") ist es nicht weit. Ca. 150 km. Die Straßen sind gut und
breit. Wälder und Wiesen wechseln sich ab. Am Anfang sind Seen noch rar. Den Campingplatz in Tampere
haben wir sofort gefunden. Er war wirklich exzellent ausgeschildert. Tampere liegt idyllisch zwischen vielen
Seen. Über die Stadt selbst braucht man nicht viele Worte zu verlieren. Irgendwie glaubt man den langen
russischen Einfluß zu spüren.
Den Tag vor der Tour haben sich Peter und ich ausgeruht und mental auf die Tour vorbereitet. Die Frauen haben
die Chance genutzt und sind alleine los, um die Stadt zu erkunden. Wir haben den Vormittag mit Radwartung und
Dösen verbracht. Nachmittags haben wir uns den Startplatz an der Eissporthalle von Tampere angesehen.
Alles erinnerte mehr an ein RTF (Radtourenfahren) als an das, was ich von den drei anderen Touren gewohnt
war. Den Zauber, wie er z.B. von der Vätternrundan ausgeht, haben wir hier vermisst. Die Teilnehmerzahl
der 215 km-Tour lag unter 300. Obwohl es meine vierte und wahrscheinlich auch einfachste Tour werden
würde, war ich aufgeregt wie immer vor einem Start. Unsere "mentale" Vorbereitung war dann
auch mehr ein gemeinschaftliches Nervösmachen.
Am Samstag war es dann soweit. Wir waren um 5.30 Uhr aufgestanden, rein in die Radkluft, kurzes
Frühstück, Räder in die Autos und los zur Eissporthalle. Es war alles ziemlich
unspektakulär. Peter und ich waren in der ersten Startergruppe und saßen schon bald auf dem
Sattel. Ich bin am Anfang langsam gefahren. Es ist wirklich wichtig sein eigenes Tempo zu fahren. Durch meine
Beinverletzung hatte ich nur wenig trainieren können. Mir war klar, daß ich mit meinen Kräften
sehr haushalten müßte. Aber ich wollte alle vier "Skandinavia Loppet" in vier Jahren
schaffen. Dazu mußte ich auch diesmal wieder ankommen. Das Wetter war sonnig und mit 25 Grad war es
fast zu warm. Meine Neugierde auf die finnische Landschaft und die Seen wurde etwas enttäuscht. Die
Hälfte der Stecke folgte Hauptverkehrsstraßen. Den Näsijärvi-See, den wir umrundeten,
konnte man nur sehr selten sehen. Dafür ging es stetig auf und ab. Trotzdem hat es sich gelohnt. Auf
einer so langen Tour kann man sein jetziges Leben für eine Weile verlassen. Es tritt alles in den
Hintergrund. Wie zu erwarten, waren meine Kräfte nach zwei Dritteln der Strecke aufgebraucht. Ab diesem
Zeitpunkt stand dann nur noch das Erreichen des Zieles im Mittelpunkt meiner Gedanken. Ich war alleine mit
mir und der Welt. Alle, die ich liebe und alle, die mich nerven, waren weit weg. In seinem körperlichen
Leiden wird man in seiner Seele frei. Das Leben reduziert sich auf das Wesentliche: Man ist in Bewegung.
Dann kam irgendwann der Punkt, an dem ich dachte, daß ich nicht mehr weiter kann. Es waren noch etwa 70
km bis zum Ziel. Der Wind, der fast an Sturm erinnerte, kam direkt von vorne. Es war abzusehen, daß das
bis zum Ziel so bleiben würde. Alle Kräfte schienen verbraucht. Irgendwie weiß man aber,
daß man weiter muß. Eine Weile war ich im leeren Raum und dann kamen alle zurück und haben
mir Kraft gegeben. Es kam eine ungeheure mentale Kraft. Von dieser Kraft kann man lange nach einer Tour
zehren. Wahrscheinlich macht sie süchtig. Als ich am Ziel war, nach 12 Stunden, bin ich gerne in die
Welt zurückgekehrt. Es war mir egal, daß ich wohl einer der Letzten war und daß das Ziel
schon teilweise demontiert war.
Peter war eine Stunde vor mir ins Ziel gekommen. Marina, Hanna und Peter hatten auf mich gewartet. Auf dem
Zeltplatz zurück haben wir als erstes geduscht. Erst nach einer solchen Tour weiß man, wie
schön es sein kann, wenn heißes Wasser auf einen müden, klebrigen Körper prasselt.
Danach Abendbrot. Ich konnte allerdings nichts mehr essen. Nach etlichen Schokoriegeln und literweise
süßem Sportdrink, den es in den zahlreichen Verpflegungsdepots während der Tour gab, war das
"Siegerbier" das einzige was mein Köper zu sich nehmen wollte.
Wieder zuhause steht nun die Frage: "Was mache ich im nächsten Jahr? Trondheim-Oslo?"
Die Frage ist inzwischen geklärt. Die Antwort heißt: Vätternrundan 2001.