Sjælland Rundt 1999

Juli 1999.

Link zur offiziellen Seite Das Jahr war bisher nicht so gut gelaufen. Im Winter hatte ich eine Grippe und habe dann dank Antibiotika lange vor mich hin gekränkelt. Kurz ich war nicht im besten Trainingszustand. Zwei Wochen vor der Tour hatte ich wieder einer Erkältung. Ich war mir nicht sicher, ob ich überhaupt teilnehmen sollte.

Hinfahren kann man ja mal. Vielleicht geht es mir ja dort besser. Und das Startgeld war sowieso schon lange bezahlt. Und dann war da ja noch das "Turbo-Diplom". So hatten wir das Diplom genannt, daß man erhält, wenn man in 3 Jahren 3 der Skandinavia Loppet schafft.

Der neue Daihatsu Sirion Also los! Mit meinem nagelneuen Auto. Habe ihn einen Tag vor der Abfahrt vom Händler geholt. Ein blauer Daihatsu Sirion. Wahrscheinlich wird jetzt vielen der geschätzten Leser ein mitleidiges Lächeln übers Gesicht gleiten. Kann ich aushalten. Ich finde es nicht besonders clever, für ein Auto gleicher Größe 5000 Mark mehr zu bezahlen, nur weil da VW oder Opel dran steht.

Dieses Jahr ging es, wie die Jahre zuvor, auf die Fähre, diesmal Rostock-Gedser und ab. Die Landschaft auf Seeland ist ein bißchen eintönig. Wiesen und Felder und Wiesen und Felder und ein paar Hügel und... Wind. Wind? Peter hatte erzählt, auf der Seeland Tour hat man mit schweinischem Gegenwind zu kämpfen, die gesamte Tour bläst er von vorne. "Das liegt am Meer", hatte er gesagt. Dem Argument, daß man ja im Kreis fährt und der Wind auch mal von hinter kommen müsse, war Peter nicht zugänglich. Auch meine Idee, daß der Veranstalter ja dann zur Erleichterung die Tour einfach anders herum fahren lassen solle, fand Peter nicht überzeugend. Also gut 319 km Wind von vorne.

Landschaft auf Seeland

Start und Ziel der Tour sind in Köge. Das ist eine kleine Stadt in der Nähe von Kopenhagen.

Nach den üblichen zwei Tagen Akklimatisation war es soweit. 21 Uhr war der Start in Köge auf dem Marktplatz. Es lag wieder eine Nacht auf dem Rad vor Peter und mir.

Anfangs bin ich mit einer Gruppe mitgefahren. Im Windschatten anderer kann man viel Energie sparen. Es lief sehr gut. Peter lag weit hinter mir. Leider habe ich dabei nicht bemerkt, daß das Tempo für mich ein bißchen zu schnell war. Nach etwa 150 Kilometern durch die Nacht habe ich es dann gemerkt. Die Kräfte schwanden. Man kann nun nicht mehr viel tun. Die Krise kam unaufhaltsam. Ich habe mich von Depot zu Depot gerettet. Gut 100 km vor dem Ziel war ich am Ende. Ich habe mich an den Straßenrand in die Sonne gesetzt und geheult. Wäre in diesem Augenblick der "Lumpensamler" vorbeigekommen, dann hätte ich aufgegeben und wäre eingestiegen. Ich konnte mir nicht vorstellen, daß ich noch eine Chance hätte, die Tour zu schaffen. Das schöne "Turbo-Diplom" wäre für die nächsten 3 Jahre im Ars...Zum Glück kam aber Peter. Er hat kurz angehalten. Ich habe gesagt, daß ich nicht mehr kann und aufgeben werde. Er hat nicht viel gesagt. Es war auch gar nicht wichtig, was er gesagt hat. Es war wichtig, daß einer da war, der verstand, wie es mir ging. Ich weiß nicht woher, aber ich fand neue Kraft. Es war wohl auch ein seelisches Problem, was mich am Weiterfahren hindern wollte.

Es ging also wieder besser. Ich wollte es schaffen. Die Landschaft hatte außer den Wiesen und Feldern und gelegentlich einen Blick auf's offene Meer nicht viel Abwechslung zu bieten. Das Wetter war aber gut und der versprochene Dauergegenwind war bis jetzt ausgeblieben.

Etwa 70 km vor dem Ziel wurde es wieder hart. Wenn man aber schon 250 km hinter sich gebracht hat, eine Krise überwunden hat, dann gibt man nicht so "kurz" vor dem Ziel auf. Ich habe also die Zähne zusammengebissen und bin weiter vom Noch-60km-zum-Ziel-Schild zum Noch-50km-zum-Ziel-Schild usw. Immer auf das nächste Schild wartend. "Jetzt muß doch dieses verdammte Schild bald kommen. Sicher hinter dieser Kurve. Das letzte liegt doch schon eine halbe Stunde zurück. Schei... wieder nicht. Vielleicht haben die ein Schild vergessen aufzustellen. Oder es kommt dort oben auf dem Hügel..." Man gewöhnt es sich ab, auf den Kilometerzähler des Fahrradcomputers zu sehen. Es könnte zu deprimierend sein, was da zu lesen ist. Als ich so in Gedanken vertieft dahin radle, überholt mich ein alter Herr um die 60. auf seinem Rennrad. Was hat der denn am Arm? Ich glaube nicht, was ich da sehe. Einen Unterarmgips, bis über die Hand. Er hat sichtlich Probleme mit dem Greifen. Es sind schon verrückte Typen, die hier mitmachen. Eisenharte!?

Peter und Rene mit Orden Im letzten Depot war ich so ausgelaugt, daß eine Pause keine Erholung mehr gebracht hätte. Ich bin also nach kurzem Halt weiter. Gut 20 km noch. Das ist doch praktisch nichts. Ich habe mir vorgestellt, wie weit das ist. Also von Canow nach Neustrelitz ist es weiter und auf dieser Strecke wird man kaum richtig warm. Zur Not könnte man ja schieben... Und dann kam das Ortsschild KÖGE. Es war nicht zu fassen, ich war da. Dann der Marktplatz. 13.58 Uhr, das Ziel. Nach 17 Stunden war ich da.

Das "Turbo-Diplom" Ich war zu fertig, um mich freuen zu können. Scheiß-Radfahren habe ich gedacht. Jetzt reicht's aber. Bloß ins Zelt und schlafen. Marina und Hanna (Peters Frau) haben uns am Ziel erwartet. Das war sehr lieb, sie konnten ja nicht wissen, ob wir 15 oder vielleicht 20 Stunden brauchen würden.

Nach 2 Stunden Erholung im Zelt haben wir dann gemeinsam unser obligatorisches Siegerbier getrunken. Die Freude über die geschaffte Tour und mein "Turbo-Diplom" hat sich diesmal aber erst später eingestellt.

Und weil man es einfach nicht lassen kann... Weiter zur Pirkka Pyöräily.