Vätternrundan 2001
Juni 2001.
Eigentlich hatte ich gar keine richtige Lust die Vätternrundan ein zweites Mal zu fahren. Aber mein
Freund Peter hatte mich mit angemeldet und mich dann doch überredet nochmal mitzukommen. Ich konnte mir
auch nicht so richtig vorstellen, in diesem Jahr an keinem Radmarathon teilzunehmen. Meine Tochter konnte mit
12 Jahren auch mal zwei Tage alleine zu hause sein. Also gut! Mit knapp kalkulierten Tagen sind wir (mein
Freund Plathius, Marina und ich) am Donnestag früh um halb fünf zur Fähre nach Schweden
aufgebrochen. Freitag nacht um 23:50 Uhr sollte unser Start sein...
Nach einer durchfahrenen Nacht bei 6°C und 178 km in den Beinen, nach einem "Vorbereitungs"-Freitag an
dem ich keine innere Ruhe fand, sitze ich am Ufer der Vätternsees, am Kai von Hjo, nur ein paar 100 m
weg vom Trouble im Depot mit hunderten von Radfahrern, die vor der Batterie von Klohäuschen auf ihr
"Geschäft" warten oder sich im überfüllten Speisesaal müde ihre Lasagne
herunterquälen. Ich blicke über den majestätischen Vättern. Ich fühle mich
-Verzeihung- so beschissen wie schon lange nicht mehr. Ich kann nicht mehr. Was soll ich tun? Aufgeben oder
bis zum bitteren Ende weiterfahren. Weshalb tue ich das alles eigentlich? Es sind noch 122 km bis zum Ziel.
Ein paar Kilometer könnte ich noch schaffen. Darf man da aufgeben? Das Aufgeben wird aber mit jedem
Kilometer schwieriger werden. Es erfordert auch Kraft. Was werden die Freunde sagen? Wie werde ich mich
fühlen, wenn ich als Verlierer nach hause fahre. Oder ist es vielleicht gar kein Sieg, wenn man sich nur
nicht traut aufzugeben. Andererseits weiß ich, daß es vielleicht sogar noch möglich ist, das
Ziel zu erreichen. Bei der Sjælland Rundt
hatte ich diese Erfahrung gemacht. Aber damals ging es um etwas: das "Skandinavia Loppet Diploma" für
drei geschaffte Touren in drei Jahren. Auch bei der Pirkka Pyöräily
hatte ich das Ziel alle vier Skandinavia Loppets hintereinander zu schaffen. Und was ist jetzt?
Auf meiner Seele lastet ein schwerer Schatten, dessen Ursprung ich nicht erkennen kann. Von meiner
Entscheidung scheint viel, viel mehr abzuhängen als eine abgebrochen Tour. Irgendwas will mich zwingen,
es zu schaffen. Bin ich das selbst? Oder kommt es von außen? Soll ich auf das tolle Gefühl "es
doch geschafft zu haben" verzichten?...
Ich stehe auf und gehe zurück zum Depot. Erstmal eine Pause machen, die Lasagne essen und dann
weitersehen...
Ich stehe vor dem Organisationsstand, ein freundlicher Herr sieht mich an und ich sage nur kurz "Finito". Er
weiß offensichtlich, wie man sich fühlt. Er fragt nach dem "reason why"? "Nothing special, it's
not my day today." Damit ist er zufrieden und zeigt auf einen LKW, wo man sein Rad abgeben kann. Ich gebe
also mein Rad ab und steige dann in den Bus, der mich und die anderen "Loser" nach Motala bringen wird. Auch
der Busfahrer ist Profi und weiß, wie er mit einem umzugehen hat. Er hat für jeden, der einsteigt
ein Wort. Und jeder sagt irgendetwas zum Busfahrer. Ich verstehe nichts, weil sie schwedisch reden. Trotzdem
weiß ich immer, worum es geht. Ein junges Mädchen wiederholt es in Englisch, als sie merkt,
daß ich nichts verstehe: "It's a shame for me to enter the bus." Der Bus füllt sich langsam. Es
bleibt sehr, sehr leise im Bus. Alle sehen fertig aus. Trotzdem beginnt es, mir besser zu gehen. Man ist
wenigstens nicht alleine. Und ich glaube, meine Entscheidung war richtig.
Es wird eine lange Busfahrt bis Motala. Die meisten schlafen. Wir fahren nicht die kürzere Strecke um
das Nordufer. Dort würden wir wegen der vielen Teilnehmer wahrscheinlich noch länger brauchen. Wir
fahren zurück über Jönköping. Uns kommen noch viele im Gesicht gezeichnete Radfahrer
entgegen. Ich weiß, was in denen vorgeht.
In Motala angekommen, läßt es sich nicht vermeiden, den Siegern mit glücklichen Gesichtern zu
begegnen. Es tut ziemlich weh, nicht dazuzugehören. Einer spricht mich auf schwedisch an. Als er merkt,
daß ich Deutscher bin, wiederholt er: "Wo ist Deine Medaille?" oder irgend etwas in diesem Sinn. Ich
sage, daß meine einzige Medaille die Transportnummer an meinem Fahrrad ist und wiederhole: "Es war
nicht mein Tag." Es klingt ziemlich lächerlich. Aber was soll ich sagen? Er sagt -wahrscheinlich ohne zu
wissen was er da sagt- in gebrochenem Deutsch: "Bist du nicht gut?" Scheiße tut das weh! Am liebsten
würde ich sagen, daß ich es aber schon Mal geschafft habe und daß ... Zum Glück halte
ich die Schnauze und gehe weiter.
Marina und Hanna, die am Ziel auf ihre siegreichen Männer warten, kann ich nicht finden. Also fahre ich
mit meinem Rad die zehn Kilometer bis zum Campingplatz in Vadstena. Es geht schon wieder besser mit dem
Radfahren. Es kommen wieder Zweifel, ob es vielleicht doch falsch war aufzugeben.
Abends sitzen wir dann wieder alle zusammen. Alle aus unserem Trupp außer mir haben es geschafft. Peter
und Klaus zum zweiten Mal. Plathius zum ersten Mal. Sie wissen auch, wie es mir geht und gehen behutsam mit
mir um. Es ist wirklich unbezahlbar gute Freunde zu haben.
Hier wußte ich noch nicht, daß ich erst 2005 meinen nächsten Radmarathon von
Lillehammer nach Oslo fahren würde