Vätternrundan 2006
Juni 2006.
Die "Giganten der Landstraße" auch einfach Peter und Klaus genannt hatten mich erfolgreich überredet die
vakant gewordene Anmeldung eines Freundes von Klaus zu übernehmen. Ganz heimlich hatte ich auch den Ehrgeiz
meine Schlappe von 2001 wieder wett zu machen. Kurz wir saßen also wieder gemeinsam im Auto und warteten auf
die Fähre von Rostock nach Gedser.
Angekommen mußte ich feststellen, daß der Vätternsee, seitdem ich das letzte Mal 2001 hier war, kein bißchen
kleiner geworden war. Eine Runde herum sind immernoch 300 km. Auch wenn man weiß, daß man eine Umrundung
schon einmal geschafft hat, flößt der Anblick des Sees immer wieder neuen Respekt ein.
Da wir am Dienstag schon angereist waren, hatten wir bis zum Start Freitagnacht noch genügend Zeit uns
intensiv mental auf die Tour vorzubereiten. Im Bild sieht man Peter bei der Einnahme von leistungs- steigernden
Arzneien.
Am Donnerstag waren wir in Motala um unsere "Nummerlappar" abzuholen.
Freitagabend um 22:48 Uhr sollte dann unser Start sein. Am Startfeld warteten viele mehr oder weniger nervöse Radfahrer.
In einer Halle gab es "leckeren" Saft in verschiedenen Geschmacksrichtungen für die Trinkflasche. Davon trinkt man während einer Runde so etwa 10 Liter oder mehr. Mit dem Ergebnis, daß man sowas nie wieder freiwillig im Leben zu sich nimmt. Außer natürlich bei der nächsten Vätternrundan.
Die "Giganten der Landstraße" sehen wir hier in topfitem Zustand, wie sie mit den Hufen scharren. Glücklicherweise hatte ich mich geweigert, als sie ein Foto von mir machen wollten.
Doch nun kommen wir zum Tourverlauf. Die Vorhersage hatte optimales Wetter angekündigt. Keinen Regen. Kaum Wind und einen sonnigen Samstag. Und so sollte es auch werden. Allerdings war die Nacht sehr kalt. Es waren so um die 10°C. Um halb drei wurde es langsam wieder hell. Vor Jönköping hat man eine wunderbare Sicht auf den südlichen Vätternsee.
Da ich kurzfristig eingesprungen war, fehlten mir einige Trainingskilometer. Eigentlich hatte ich erst die letzten vier Wochen vor dem Start angefangen richtig zu trainieren.
Nach 109 km in Jönköping angekommen, wurde mir dann auch klar, daß es für mich sehr schwer werden würde die
Tour erfolgreich zu beenden. Ich fühlte mich schon ziemlich erschöpft. Und gleich kamen wieder die Gedanken,
ob das Ganze sinnvoll ist. Meine Laune war ziemlich schlecht. Das "exzellente" Essen im Depot trug seinen
Anteil dazu bei: Zwei Wiener auf Kartoffelbrei.
Gegen zehn Uhr erreichten wir gemeinsam Hjo. 178 km lagen hinter uns und wir waren etwa neun Stunden
unterwegs gewesen. Meine Kräfte waren ziemlich am Ende. Hier in Hjo hatte ich schon bei meiner letzten
Vätternrundan 2001 aufgegeben. Ich wollte dieses Mal unbedingt ein paar Kilometer weiter fahren. Klaus und
Peter waren vorgefahren und ich hatte erstmal eine Stunde Pause am Kai gemacht. Eine halbe Stunde hatte ich
geschlafen. Gut 120 km lagen noch vor mir. Daran durfte ich allerdings nicht denken. Ich hatte mir also
vorgenommen es erstmal bis zum nächten Depot nach Karlsborg zu schaffen. In Karlsborg angekommen ging es mir
wieder etwas besser. Ich schöpfte Hoffung. Das nächste Depot (Boviken) ist von hier nur 22 km entfernt. Das
war ein echter Lichtblick.
Meine Durchschittsgeschwindigkeit (ohne Pause!) war schon unter 20 km/h abgesunken. Ich erreichte Boviken.
Von hier waren es "nur" noch 68 km bis zum Ziel. Ich sagte mir, daß das ja weniger als 2 * 35 km waren. Und
35 km sind ja nun wirklich ein Klacks. Meine Gedanken kreisten um die "Restkilometer", wie lange es bis zum
Ziel dauern würde, wenn ich mich nur noch mit 10 km/h vorwärtsbewegen würde u.s.w.
Die Strecke hier ist ein ständiges Bergan Bergab. Die Sonne brannte heiß im Nacken und die Luft stand still.
An einer dieser Steigungen überholte mich dann ein etwa 70jähriger Herr auf seinen 3-Gang-Tourenrad. Er ging
leicht aus dem Sattel und dann zog locker an mir vorbei. Mir wurde klar, daß man in Wirklichkeit viel mehr
aushalten kann als man denkt. Der Wille ist entscheidend. Und in mir verstärkte sich der Wille es zu
schaffen. Ich stellte mir vor wie absolut obercool es wäre, wenn ich nach egal wievielen Stunden durchs Ziel
käme. Das gab mir Auftrieb.
Die letzte Krise hatte ich dann im Depot in Hammarsundet. Ich war echt fertig. Mir war schlecht. Schlafen
konnte ich auch nicht mehr, obwohl total müde. "Gibst du jetzt auf oder nicht?" Aber 40 km vor dem Ziel, wenn
man schon 260 km hinter sich hat, kann man nicht mehr aufgeben. Jedenfalls nicht ohne es nochmal bis zum
nächsten und letzten Depot in Medevi versucht zu haben. Außerdem sahen die überall im Depot herumliegenden
Radfahrer auch nicht wirklich erholt aus. Ich rollte also vom Depot. Zunächst mit 10 km/h. Ich wurde dann
aber doch langsam wieder schneller. Irgendwann kam dann das Schild "30 km". Das gab mir wieder Auftrieb. Je
näher das Ziel kam, je besser fühlte ich mich. Es schien, als wenn wahr werden würde, was ich mir seit
Stunden kaum vorstellen konnte. Euphorie breitete sich langsam in meinem Herzen aus.
Gegen 19:30 Uhr war es dann soweit. Ich fuhr über die Ziellinie. Hurra! Ich war über 20 Stunden unterwegs
gewesen. Etwa 15 Stunden davon hatte ich auf dem Rad gesessen. Eigentlich ging es mir gar nicht so schlecht.
Der Wille versetzt Berge!
Peter und Klaus waren eine Stunde vor mir im Ziel gewesen. Sie hatten auf mich gewartet. Wir machten uns nun
gemeinsam und glücklich auf den Weg zum Campingplatz.
Und nochmal: Glücklich ist, wer echte Freunde hat. Dann ist es (fast) egal, ob man es schafft oder nicht.
Zuhause angekommen überraschte uns Hanna mit einer besonderen Auszeichnung. Jeder Teilnehmer
bekam seinen selbstgebackenen Vätternrundan-Keks.
Das war 2006 aber noch nicht alles. Im Spätsommer war da noch der Bodensee-Radmarathon.