Vätternrundan 1997

Juni 1997.

Link zur offiziellen Seite Früh am Morgen mache ich mich mit meinem Freund Jörg per Auto auf den Weg nach Schweden, zum Vätternsee. Räder auf dem Dach, Bier im Kofferraum. Fähre Rostock-Trelleborg. Wir haben herrliches Wetter. Sonnenschein und klare Sicht. Ein paar hundert Autokilometer und wir sehen den See. Wir halten und steigen aus. See? Der Vätternsee ist ein Meer! Man kann das andere Ufer vom See nicht sehen. Ich spüre wie ganz langsam aber unaufhaltsam so ein Gefühl von Zweifel und Angst in mir aufsteigt. Wollen wir das wirklich? Können wir das schaffen? Ich gucke Jörg an und sehe, daß es ihm nicht besser geht. Was hatte uns Peter eigentlich erzählt? Sind wir hier richtig?

Der Vätternsee Der Zweifel und die Aufregung bleiben. Es sind noch zwei Tage bis zum Start. Wir suchen uns einen Zeltplatz in Vadstena, direkt am See. Sehr schön. Dort treffen wir uns mit Peter. Verschiedene organisatorische Dinge sind zu tun. Anmelden im Organisationsbüro in Motala. Startnummern holen. Fahrräder klar machen. In den nächsten zwei Tagen sind wir damit beschäftigt. Wir werden von Peter, der dieses Jahr nicht an der Vätternrundan teilnimmt, gut betreut. Er kocht für uns und muntert uns moralisch ein bißchen auf. Der Zeltplatz füllt sich langsam mit verrückten Radlern. Die Stimmung wird besser. Man grüßt sich auf dem Weg zum Klo, beäugt gegenseitig seine Räder, leiht sich gegenseitig Werkzeug...

Dann ist der Tag gekommen. Startzeit 23:52 Uhr. Was macht man solange? Nudeln essen, ausruhen, schlafen. Schlafen geht nicht. Ich liege im Zelt und alle möglichen Gedanken wandern durch meinen Kopf.

Um 22.00 Uhr verliert Jörg die Nerven. "Komm wir fahren nach Motala zum Start!". Das machen wir dann auch. Natürlich mit dem Auto, Räder drauf. In Motala ist Volksfest. Viele Stände, viele Menschen, viele aufgeregte Radfahrer, die wie wir auf ihren Start warten. Wir haben noch fast 2 Stunden Zeit. Es wird langsam dunkel und fängt an zu nieseln. Normalerweise würde man nach Hause fahren, noch ein bißchen fernsehen und ins Bett gehen. Die zwei Stunden haben wir mit `rumhängen verbracht. Endlich war es soweit. Wir stellen uns an, um zur Startbox zu kommen. Hunderte von Radfahren um uns herum. Alle sehr angespannt. Wir kommen durch die "Beleuchtungskontrolle". Licht am Rad ist Pflicht, Helm ebenso. Dann stehen wir in der Startbox. Der Countdown läuft. Alle 2 Minuten starten etwa 50 Teilnehmer. Es ist alles sehr unwirklich. Inzwischen ist es dunkel. Es nieselt immer noch.

Karte vom Vätternsee Das Tor geht auf. Wir fahren los. Die Anspannung läßt nach. Irgendwie fühle ich mich auf meinem Rad "zuhause", irgendwie geborgen. Wir verlassen Motala. Die Landstraße ist eine Kette von rot leuchtenden Rücklichtern. Rad an Rad. Langsam lasse ich alles andere hinter mir. Freiheit steigt in mir auf. Alle Gedanken beginnen sich auf das Ziel zu richten: ANKOMMEN.

Manchmal ist es schwer, gegen die Müdigkeit anzukämpfen. Jörg habe ich aus den Augen verloren. Trotz der Radler vor und hinter mir bin ich alleine. Wunderbar alleine. Unerreichbar für die Welt.

Es ist kalt. Aber ich bin zu faul anzuhalten, um meine Jacke anzuziehen. "Es wird ja bald hell", denke ich. Bis es wirklich hell wird, vergehen lange Stunden. Zwischendurch am ersten Depot, so heißen die Verpflegungsstationen, gibt es Kaffee und belegte Brote. Die Trinkflaschen kann man nachfüllen.

Mit dem ersten Morgenlicht tun sich wunderbare Landschaften auf. Wir gleiten über hügliges Land und überblicken den ganzen Südteil des Vätternsees mit der Insel. Nach den ersten 100 km erfüllt mich ein sagenhaftes Glücksgefühl. Ich glaube, wegen dieses Gefühls fährt man immer wieder.

Das Wetter ist gut. Wir treten und treten und treten in die Pedalen. Stundenlang. Von Depot zu Depot. Manchmal unterhält man sich kurz mit seinem Nachbarn. Von Rad zu Rad. Die Leute kommen aus aller Herren Länder. Viele Frauen, hübsche Frauen. Viele Ältere, über 60. Manche haben ganz "normale" Räder ohne Gangschaltung. Kaum zu glauben, daß man damit ankommen kann.

Es geht gut voran. 25km/h im Schnitt. Und dann am Nachmittag kommt er, der Hänger. Nach etwa 10 Stunden verlassen mich die Kräfte. Nichts geht mehr. Mit 15 km/h rolle ich. Noch über 100 km liegen vor mir. Alle Euphorie ist vergessen. Es beginnt ein harter Kampf gegen sich selbst. Was wäre wenn man aufgibt? Was sagen die Freunde? Scheinbar rettet mich eine Flasche Mineralwasser im Depot. Die Kräfte kommen langsam zurück. Ich werde wieder schneller. Das Ziel kommt näher. Alle 10km steht ein Schild mit der Distanz zum Ziel. Alle Gedanken konzentrieren sich auf das nächste Schild 80 km, 70 km, 60 km... Noch zwei Depots, noch ein Depot. Das letzte Depot erreicht. Ich fühle mich als hätte ich es fast geschafft. Immer wieder stehen Leute am Straßenrand und winken und feuern an. Das hilft. Ich werde noch mal richtig schnell. Das Ortsschild Motala fliegt vorbei. Überall im Ort stehen Leute und winken. Je näher man dem Ziel kommt, je dichter stehen sie. Ich fahre wie in Trance. Die Spuren der durchfahrenen Nacht sind unverkennbar in mein Gesicht geschrieben. Und dann der unglaubliche Augenblick. Tränen stehen in meinen Augen. Hoffentlich sieht sie keiner am Rand. Ich sehe das Ziel, ich überfahre die Ziellinie. Es ist 14:45 Uhr.

Rene mit Orden Hurra, ich habe es geschafft!! Ich fasse es gar nicht. Oh Glück... Peter wartet am Ziel. Ich sehe ihn in der Menge stehen...Jörg war 15 min vor mir angekommen.

Abends wollte Peter uns zu einem Glas Wein einladen. Leider sind wir im Sitzen vor dem Zelt eingeschlafen. Die Feier mußte verschoben werden. Einen Abend später wurde sie auf den Vordersitzen von Jörgs VW (im Zelt war es zu ungemütlich) mit den restlichen Bierreserven zelebriert.

Am nächsten Tag sind wir glücklich nach Hause zurückgefahren. Weiter zur Telemark Tours.